Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft

(Emil Zátopek)

Der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen. Emil Zátopek drückte in wenigen Worten aus, was ich mehrere Jahre lang nicht akzeptieren wollte. Laufen, gehen, wandern – ich? Solange mich Fernsehen, Nintendo und später mein PC bespaßen, gab es doch gar keinen Grund, sinnlos durch den Wald zu stapfen. Hier hinke ich als Mensch Vogel und Fisch hinterher: ich reflektiere, kann mich aber auch selbst täuschen und gegen meine Natur leben. Ich nannte mich Otaku und war stolz darauf. (Otaku = jemand der durch, für und wegen seines PCs lebt)

Lügen haben kurze Beine. Aber sie treffen dich wie einen Bumerang. Am Ende des Tages kannst du schließlich jeden belügen, wirklich jeden… außer dich selbst. Hast du deine Reflexion als Maskerade missbraucht hast, verlierst du jede Kontrolle über dieses Spiel. So ging es mir, obwohl ich diese Scharade nie absichtlich abzog. Der Preis war hoch: Verlust aller Illusionen, Hoffnungen und Träume.

Unrast zwang mich nach draußen, erst mal egal wohin. Erst waren es nur Nachbardörfer, dann wollte ich höher hinaus. Vom Tübinger Stadtteil Hagelloch aus wollte ich Herrenberg erreichen. Ich war angefixt. Im dritten Anlauf schoss ich wiederum vorbei, dieses Mal denkbar knapp. Am Ende fragte nich an einer Autobahnraststätte nach dem Weg. „Nächste Abfahrt“ beantwortete ich mit „Ich bin zu Fuß hier“. „Hagelloch – Nufringen“ war für mich fortan Auszeichnung und Hoffnungsschimmer. 18 Kilometer wandern mit Discounter-Sneakern, praktisch ohne Verpflegung, Training, GPS, Karte…

Die folgenden Monate verfinsterte sich mein Gemüt. Es verging mehr als ein Jahr. Dann wanderte ich in Nordhessen (ohne Ausrüstung natürlich) und folgte dem Ruf der Ausbildung zurück nach Mittelhessen. Dort hatte ich das Wandern rundherum abgelehnt – jetzt nutzte ich die großzügigen Pausen von/zur Berufsschule, um so viele Wege wie möglich zu Fuß zu gehen.

Dann kamen neue Freunde. Wir saßen, tranken, guckten Fußball und hingen ab. Ich wollte gefallen und packte die Maske wieder aus. Sie saß (fast) perfekt. Sogar ich glaubte mir lange Zeit. Doch in sarkastischen Kommentaren und ungewohnt ehrlichen Kontroversen brach meine Wandernatur sich wieder Bahn. Ich will wandern, reisen, erfahren… und habe ein Problem damit, lange am selben Ort zu bleiben. Ich trat die Flucht nach vorne an und zog so häufig um, dass ich am Ende nicht mal mehr die Kisten ausräumte. Damals rief mich eine Kollegin an, die sich ob meiner Rastlosigkeit große Sorgen machte. „Wo bist du?“, fragte sie. „Ich bin im Wald.“ – Sie kannte mich. Besser hätte ich sie nicht beruhigen können. Die Maskerade fand ein Ende. Die Wandernatur Chris begab sich zu den rheinischen Frohnaturen nach Düsseldorf.

Seit fünf Jahren lebe ich nun im Raum Düsseldorf. Ich habe eine Frau gefunden, die ebenso gerne wandert und die Natur fast noch mehr braucht als ich. Unsere gemeinsamen Reisen orientierten sich lange an Städten und waren meist recht kurz. Einige wenige Tage Wien, Bratislava, Riga, Vilnius, Porto, Lissabon… Besonders schön war fanden wir Prag, da wir dort viel Zeit hatten. Nach vier Tagen Madeira (also nur Funchal…) hatten wir genug von „Kurztrips“ (okay, ich ließ mich hinreißen, noch ein paar Tage Sibiu zu buchen)

Eine weitere Maske flog davon: das Aufzählen besuchter Reiseziele (name dropping) diente der Bestätigung des eigenen Tuns. Was ich aufschrieb, konnte ich mir selbst „beweisen“. Das ist nun nicht mehr nötig. Der Weg ist das Ziel. Die Wanderung zu uns selbst hat gerade erst begonnen.

Ein Kommentar

  1. Ich bin durch meinen aus Thüringen stammenden Vater früh zum Wandern gekommen und mag es bis heute gern, bin allerdings für mehrtägige Ausflüge zu bequem, weil: da muss man so viel tragen und: da muss man im Schlafsack schlafen und das ist mir inzwischen zu hart. An Tages- / Halbtagesausflügen habe ich aber schon alles erlebt, vom Versinken im Schnee bis zum Knie (und das im März!) bis zum Schwitzen beim Aufstieg auf den Weinberg bei 30°C.

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