Im Winter legt sich Kälte auf die Landschaft. Du legst Pläne auf Eis. Gute Vorsätze werden vorm wohligen Kaminfeuer erst geschmiedet, dann aufgeschrieben und wenige Wochen später klammheimlich in ebendiesem entsorgt. Ist es nicht jedes Jahr das gleiche Ritual? Doch der Winter kann auch der Katalysator sein, der dich anfeuert, statt dich frösteln zu lassen. Glaub mir: früher hasste ich den Winter. Heute begrüße ich ihn wie einen alten Freund.Frühling und Sommer locken Reisende nach draußen. Wanderlust und Fernweh sitzen auf beiden Schultern und singen unisono die Hymne von Freiheit, Frischluft und Abenteuer. Widersteht man ihr allzu lange, weil Pflichten und Alltag binden oder noch eine Destination auszuklügeln ist, zeigt der Lockruf ins Freie seine Schattenseite: aus Vorfreude wird Unruhe, aus Reisefieber bloßes Pflichtgefühl. Immerhin ist das Wetter so gut, dass es eine Schande wäre, es nicht zu nutzen. Sieh nur, wie sie alle spazieren gehen! Was sitzt du hier immer noch und brütest Pläne… warte mal, was mache ich denn schon wieder auf Facebook? Warum gucke ich dazu ein Video mit drolligen Welpen und google nach Tahiti?

Im Winter lockt erst mal nicht viel nach draußen. Weihnachtsmärkte und Shopping lassen mich kalt. Im Blick nach innen wird klar, warum der Winter mich früher angewidert hat: Da gab es (scheinbar) nichts. Rastlosigkeit und Geschäftigkeit hatte ich in der Folge aus dem Job übernommen und mir zueigen gemacht. So konnte ich mir vorgaukeln, es gäbe immer etwas zu tun. Sollte der Hilferuf aus dem Innern doch an mein Ohr dringen, so konnte ich in der sonnigen Jahreszeit mit dröhnenden Turbinen den Burgfrieden wahren. Das startende Flugzeug, der Beginn einer neuen Reise – es ging vorwärts! Ich war wieder einmal auf dem Weg nach… Prag, Istanbul, Tokio, Riga…

Der Blick nach innen

Das schönste Reiseziel kann den Blick nach innen jedoch nicht ersetzen. Es ist, als würdest du deinen Partner mit Geschenken überhäufen, obwohl er nichts sehnlicher möchte, als dass du ihm aufmerksam zuhörst. Im Winter gehen uns oft die Geschenke aus, die wir unserem inneren Partner machen können. Jetzt sind wir mit uns allein. Menschen begegnen dieser „drohenden“ Introspektion nun gerne mit folgenden Fluchten:

  • Partner, Freunde, Familie anrufen, bequatschen oder in anderer Weise zur Ablenkung beanspruchen
  • Party machen (ein Feuerwerk zünden, um den Schwelbrand zu verheimlichen, der im Schuppen glüht)
  • Alkohol oder andere Drogen konsumieren
  • Auto fahren
  • Sich im Job oder vor den Nachbarn aufspielen
  • Nachrichten schauen und sich über die verkommene Welt ärgern
  • YouTube, Facebook…

Ich zappe übrigens gerne durch Wikipedia!

Es braucht viele kleine Schritte und einige Jahre an Erfahrung, um dahinter zu kommen, dass die Maskerade nicht nützt. Ablenkungsmanöver verdecken nicht nur Schwelbrände oder Scherbenhaufen, sondern auch echte Schätze. Während auf dem Partyschiff die Sektkorken knallen, harrt die Kiste mit Golddukaten darunter weiter ihrer Entdeckung.

Die Wahrheit liegt zwischen dem Scherbenhaufen und dem puren Gold. Ich erwarte nicht, den finsteren Werwolf oder das große Genie in mir zu finden, wenn ich im Winter der Stille in mir lausche. Aber ich werde ohne jeden Zweifel mehr finden, als wenn ich Wikipedia nach weiteren Reisezielen durchforste. Ich heiße die Winterpause also herzlich willkommen und freue mich, endlich auch Zeit für den Blog zu finden!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.